Automarkt Bremen setzt 1,6 Milliarden Euro um

Jahrespressekonferenz Bremen zu Branchenthemen (v.l.) Obermeister Hans Jörg Koßmann, Anke Kuckertz, Geschäftsführung der Innung des Kfz-Technikerhandwerks Bremen, Präsident Karl-Heinz Bley und Christian Metje, Geschäftsführer des Kfz-Landesverbandes.
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Rund 70.000 Autokäufe - Durchschnittlicher Neuwagenpreis steigt auf 33.990 Euro - SUV weiter auf Höhenflug - Markenhandel verliert im Gebrauchtwagen-markt - Starke Verluste im Service - Ausbildung mit Hoch und Tief - Fragezeichen hinter E-Auto-Zukunft - Kfz-Gewerbe will Förderung für Ladeinfrastruktur

Bremen. Im Schatten bundesweiter Rekordzahlen bei Umsatz und Neuzulassungen hat sich der Automarkt an der Weser höchst gegensätzlich entwickelt. 1,6 Milliarden Euro Gesamtumsatz, davon rund 717 Millionen Euro für neue Pkw, zweistellige Verluste im Service, starke Einbußen im Marktanteil für den Markenhandel im Gebrauchtwagengeschäft und eine lediglich leicht auf 1,3 Prozent vor Steuern gestiegene Umsatzrendite sind Kennzahlen des Autojahres 2019. Noch nie haben private Haushalte so viel Geld für die individuelle Mobilität ausgegeben wie im vergangenen Jahr. Verbandspräsident Karl-Heinz Bley und der bremische Obermeister Hans Jörg Koßmann präsentierten vor Journalisten ein "Autojahr im Rückspiegel, das unsere Erwartungen nicht ganz erfüllen konnte". Dennoch sei man im Großen und Ganzen zufrieden. Durchaus sorgenvoll schaue man ins neue Autojahr, in dem vor allem Turbulenzen und Marktverzerrungen durch die Transformation zur Elektromobilität erwartet würden. Bley und Koßmann waren sich einig, dass die Elektromobilität eine Brückentechnologie sei und die Wende zu einer klimafreundlichen Mobilität technologieoffen bleiben müsse.

Die Branche habe das zweitbeste Autojahr von Umsatz betrachtet bilanziert. Bei Neuzulassungen und Besitzumschreibungen habe es mehrere bessere Autojahre gegeben, sagte Bley. Mit dem Verkauf neuer und gebrauchter Pkw und Nutzfahrzeuge sowie dem im vergangenen Jahr desaströsen Service habe der bremische Automarkt einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro erzielt. Davon entfielen auf die Betriebe des Kraftfahrzeuggewerbes 1,3 Milliarden Euro, ein auf 80,4 Prozent gestiegener Anteil.

Der Gesamtumsatz sei im Jahresvergleich um 70 Millionen Euro oder 4,5 Prozent gestiegen. Der Umsatz mit neuen Pkw habe rund 717 Millionen Euro betragen mit Gebrauchtwagen rund 570 Millionen Euro. Der Umsatz im Fachhandel habe davon 460 Millionen Euro erreicht. Die Umsatzrendite habe mit 1,3 Prozent vor Steuern die Erwartungen bei Weitem nicht erfüllt. Die Zielmarke von 3 Prozent im Kraftfahrzeuggewerbe sei klar verfehlt worden.

Rund 21.000
Pkw-Neuzulassungen

An der Weser seien im vergangenen Jahr insgesamt 70.591 Autoverkäufe bilanziert worden; rund 21.000 davon waren Neuwagen. Das sei ein Plus von 1 Prozent. Der Zuwachs bei den Neuzulassungen allein habe 3,2 Prozent erreicht. Bley: "Bremen erlebte damit eine im Bundesvergleich unterdurchschnittliche Entwicklung."

Auf der Habenseite der Bilanz stehe, dass private Haushalte in Bremen und Bremerhaven noch nie mehr Geld für neue und gebrauchte Pkw ausgegeben hätten. 600 Millionen Euro, davon 200 Millionen für einen Neuwagen sei ein neuer Höchstwert.

Auffällig sei bei den Neuwagen, dass das Segment der SUV weiterhin auf der Überholspur fahre. Der Marktanteil sei auf fast 22 Prozent gestiegen. SUV heiße fälschlicherweise PS-Protz und Sprit-Schlucker. Dem sei nicht so, denn die große Mehrheit dieser Neuzulassungen seien Kompakt-SUV, die vielfach einem besonderen Sicherheitsbedürfnis entsprächen.

Preise spürbar
höher als in 2018

Ein neuer Pkw kostete 33.990 Euro nach 31.270 Euro, ein Gebrauchter 12.610 Euro nach 11.870 Euro im Autojahr 2018. Im Übrigen: Frauen sind sparsamer, denn sie geben im Durchschnitt 24.900 Euro für einen Neuen aus, Männer hingegen fast 38.000 Euro. Das habe die DAT ermittelt. Unverändert gebe es beim Autokauf einen Trend zu Assistenzsystemen, was sich im Preis ebenso auswirke wie Verschiebungen in den Modell-Segmenten.

Auf der Halbschattenseite der Bilanz stehe das Gebrauchtwagengeschäft.  49.500 Besitzumschreibungen seien eine Wiederholung des Jahresergebnisses aus 2018. Damals habe es 49.467 Gebrauchtwagen-Verkäufe gegeben.

Der Fachhandel hat seinen Marktanteil den Angaben Bleys zufolge um einen Prozentpunkt auf 67 Prozent ausgebaut. Der Privat-Markt habe nach 34 noch 33 Prozent Marktanteil erreicht. Das Schmerzhafte allerdings sei, dass der markengebundene Handel im Gebrauchtwagengeschäft fünf Prozentpunkte verloren hat. Gewinner sei der reine Gebrauchtwagenhandel mit einem Zugewinn von sechs Prozentpunkten.

Ursachen dieser Verschiebungen in den Marktanteilen seien die digitalen Gebrauchtwagen-Verkäufe. Euro 5-Diesel gebe es im Markenhandel nur noch in kleinem Volumen. Sie würden vielfach vermittelt. Und die Zahl der freien Autohäuser, Stichwort Vertragskündigungen, nehme zu. Und dies, wie die 2019er Bilanz ausweist, offensichtlich recht erfolgreich.

Starke Position
in der Ausbildung

Hans Jörg Koßmann berichtete, dass das Kfz-Gewerbe im Ausbildungssektor nach wie vor eine starke Position habe. In den vergangenen fünf Jahren seien stetig steigende Zahlen vermeldet worden. In 2019 habe sich dieser Trend fortgesetzt, wenn auch in bescheidenen Größenordnungen bei den Kaufleuten. 39 neue Ausbildungsverträge seien ein Plus von 0,7 Prozent.

Der Kfz-Mechatroniker weise hingegen deutliche Rückgänge aus. 213 neue Ausbildungsverträge seien ein Minus von 6,6 Prozent. Quantitativ könne man nicht zufrieden sein, alle Lehrstellen sollten besetzt werden können, sagte Koßmann. Das Zahlenwerk ändere aber gar nichts an der Attraktivität der Autoberufe.

Die Berufsorientierung in den Schulen müsse optimiert werden. Dies gelte im Besonderen für Gymnasien. Die Digitalisierung krempele die Arbeitswelt in den Unternehmen, auch in den Betrieben des Kfz-Gewerbes um, und erfordere mehr Berufsorientierung in den Schulen.

Auch zum Servicegeschäft im Jahr 2019 berichtete der Obermeister der Bremer Kfz-Innung. "Hier mussten wir eine bittere Pille schlucken," sagte er mit Hinweis auf deutliche Einbußen. Der Umsatz sei an der Weser um 10,4 Prozent auf rund 232 Millionen Euro gesunken.

Die Gründe dafür lägen in einer seit Jahren rückläufigen Reparaturhäufigkeit und einer im vergangenen Jahr niedrigeren Wartungshäufigkeit. Außerdem sei die durchschnittliche Schadensumme bei den in 2019 angefallenen Unfallschäden laut dem DAT-Report gegenüber dem Jahr 2018 deutlich gesunken.

Die Werkstattauslastung habe im vergangenen Jahr die Allzeit-Höchstwerte aus 2017 und 2018 von durchschnittlich 86 Prozent Auslastungsquote nicht mehr erreicht. Der Jahreswert habe sich bei durchschnittlich 83 Prozent eingependelt.

Förderkriterien
in der Kritik

Kritisch setzte sich Koßmann mit den Chancen auf eine Förderung für Kfz-Betriebe auseinander. Es gebe eine Ungleichbehandlung, die in den Reihen der Kfz-Meisterbetriebe für Unmut sorge. Das betreffe die Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität. In Bremen gibt es nach Aussage der Bundesnetzagentur rund 80 Ladepunkte. Folglich brauche man mehr Ladeeinrichtungen.

 Die Zusagen der Automobilhersteller, bis zum Jahr 2022 mindestens 15.000 und bis zum Jahr 2030 rund 100.000 Ladeeinrichtungen schaffen zu wollen, treffe in erster Linie die Autohäuser. Die Hersteller erwarteten als vertraglichen Standard die Schaffung solcher oftmals deutlich über die eigenen betrieblichen Bedürfnisse hinausgehenden Ladeeinrichtungen auf eigene Kosten. Koßmann: "Und wir Mittelständler kommen nicht einmal in den Genuss der finanziellen Förderung."

Erste Förderanträge von Autohäusern seien von der zuständigen Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen (BAV) abgelehnt. Begründet werde die Ablehnung damit, dass Autohändler sich bereits gegenüber den jeweiligen Herstellern ihrer Marken verpflichtet hätten. Die Gewährung von Fördermitteln für Ladeeinrichtungen, die ohnehin errichtet würden, verstoße gegen das haushaltsrechtliche Subsidiaritätsprinzip. Diese Begründung habe zu Recht für Empörung und Unmut in unseren Reihen geführt.

Diese Förderkriterien für die Schaffung von Ladeinfrastruktur gehörten auf den administrativen Prüfstand. Sie müssten so angepasst werden, dass vertragliche Verpflichtungen gegenüber Herstellern die Förderfähigkeit unberührt lassen. Koßmann: "Aus unserer Sicht darf es für die Förderfähigkeit keinen Unterschied machen, ob ein Betrieb von seinem Hersteller Vorgaben erhält oder nicht oder ob es sich um einen nicht markengebundenen Betrieb handelt."  Entscheidend müsse sein, ob der Betrieb auf eigene Kosten eine im öffentlichen Interesse liegende Ladeeinrichtung bereitstellt.

Koßmann ging auch auf die aktuelle Lage "rund um die Elektromobilität" ein. Die einseitige Festlegung auf die Elektromobilität sei einer der größten Irrtümer der letzten Jahre. Das Kfz-Gewerbe plädiere für eine technologieoffene "neue Mobilität", die auch mit sauberen synthetischen Treibstoffen fahre.  2020 werde zu einem Schlüsseljahr für die Elektromobilität. Hersteller benötigten zum Ausgleich des europäischen Flotten-Grenzwerts von 95 Gramm CO2 pro Kilometer E-Fahrzeuge zur Kompensation des CO2 Wertes, der aktuell bundesweit bei 157 Gramm. Koßmann: "Da braucht es viele Stromer."

Abschließend ergänzte Koßmann die Statistik der Neuzulassungen und Besitzumschreibungen mit dem Hinweis, dass 95 Prozent aller Pkw, die 2019 zugelassen worden seien, einen Verbrennungsmotor haben. Der Anteil der reinen batteriebetriebenen Fahrzeuge lag bei 0,6 Prozent, bei Neuwagen allein bei 1,8 Prozent gelegen.

Für den Markt an der Weser seien im Januar 2020 die E-Neuzulassungen von 23 auf 31 gestiegen. Dies sei ein Anteil von 1,95 Prozent. Addiere man noch die 63 Plug-in-Hybride dazu, ergebe dies einen E-Anteil von 5,9 Prozent im Januar 2020. 

Auftragseingang
bereitet Sorgen

Zu den Erwartungen des Kfz-Gewerbes für das Autojahr 2020 sagte Präsident Karl-Heinz Bley, der Jahresstart mit einem Minus von 2,9 Prozent bei den Pkw-Neuzulassungen im Januar habe nicht überrascht. Der Auftragseingang im Januar indes, der nach VDA-Zahlen um 17 Prozent hinter dem Vergleichszeitraum Januar 2019, liege, bereite Sorgen. Neuzulassungs-Statistiken sagte Bley, seien die Vergangenheit, der Auftragseingang aber die Zukunft.

Die Branche erwarte von den Volumina her betrachtet kein normales Autojahr, das hier an der Weser rund 20.000 Pkw-Neuzulassungen und 50.000 Pkw-Besitzumschreibungen ausweisen könnte. Das wären marginale Veränderungen. Es könnte aber durchaus spürbare Marktverzerrungen durch einen Aktionismus der Hersteller geben, die mit Verkaufsaktionen E-Verkäufe ankurbeln wollten. Gemeinsam mit dem bis zu 6.000 Euro hohen Umweltbonus werde das Preisgefüge im Automarkt instabil.

Neue Verträge im
Automobilhandel

Von großer Bedeutung für die Branche sind neben dem Kaufinteresse gewerblicher und privater Kunden zum einen die Vertragsverhandlungen im Markenhandel mit den Herstellern und die Entwicklung der Direktgeschäfte. Das Prinzip Hersteller stellen her und der Handel verkauft darf nicht weiter in Schieflage kommen. Und die Elektromobilität sollte nicht zum vertraglichen Sündenfall werden.

Abschließend noch eine Entwicklung, die wir als mittelständische Branche als ungleich bezeichnen. Die Hersteller würden, wie allgemein bekannt, vom Bundeswirtschaftsministerium mit großzügigen finanziellen Anreizen für den Vertrieb von Elektrofahrzeugen ausgestattet. Im Übrigen auch für Forschung und Entwicklung.

Die Betriebe des Automobilhandels hingegen, beklagte Bley, müssten auch auf Druck der Hersteller kräftig investieren, ohne zu wissen, wann das Geschäftsmodell E-Mobilität wirklich Früchte trage. Viele Betriebe fragten sich, wie sie beim Vertrieb die ihnen von den Herstellern aufgezwungenen und zum Teil völlig überzogenen E-Fahrzeug-Quoten erfüllen sollen. Das sei sehr wichtig, denn es gehe um die existenziell wichtigen Boni. Bley: "Selbige dürfen wir nicht gefährden oder verlieren."

Letzte Änderung: 04.03.2020Webcode: 0128400