Magere Bilanz für das bremische Kfz-Gewerbe

Jahrespressekonferenz Bremen zu Branchenthemen (v.l.) Geschäftsführer Christian Metje, Obermeister Hans Jörg Koßmann, Präsident Karl-Heinz Bley, stellv. Obermeister Ralph Orléa und Anke Kuckertz, Geschäftsführung der Kfz-Innung Bremen.
Foto: ProMotor/nds

Gesamtumsatz sinkt um 3,2 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro - Über viertausend Pkw weniger verkauft -  Handel büßt Marktanteil bei Gebrauchtwagen ein - Service gut im Plus - Grenzwerte-Debatten belasten das automobile Kaufklima - Kfz-Gewerbe will eine schnelle Diesel-Nachrüstung - Gute Bilanz der Berufsausbildung - Klares Votum gegen Mindestvergütung

Bremen. Das Autojahr 2018 ist an der Weser mit einem schwachen Jahresergebnis beendet worden. Ein Rückgang um 9,6 Prozent bei neuen und 3,4 Prozent bei gebrauchten Pkw sorgte für die schwächste Umsatzbilanz seit vier Jahren. Mit dem Verkauf neuer und gebrauchter Pkw und Lkw sowie dem Service wurde ein Umsatz von 1,6 Milliarden Euro erreicht. Davon setzten die Unternehmen des Kfz-Gewerbes 79,2 (Vorjahr: 79,9) Prozent um. Insgesamt sind in Bremen und Bremerhaven im vergangenen Jahr 69.902 (Vorjahr: 73.813) Pkw, davon 20.436 Neuwagen, verkauft worden. Dies seien Verluste von 2.172 Neu- und 2.170 Gebrauchtwagen im Fachhandel und eine Umsatzeinbuße von rund 69,2 Millionen Euro. Der Privatmarkt habe 16.818 (Vorjahr: 16.386) Pkw umgeschrieben. Die Bilanz für die Betriebe des Kraftfahrzeuggewerbes an der Weser weise für Neuwagen einen Umsatz von 442,0 (Vorjahr: 476,3) Millionen Euro aus. Gebrauchte Pkw generierten im Fachhandel an der Weser 430,5 (Vorjahr: 465,4) Millionen Euro. Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen, beklagte Marktverzerrungen durch "Sondereinflüsse von innen und von außen". Die Umsatzrendite vor Steuern sei auf 1,2 Prozent gesunken.

Die Diesel-Tausch-Prämien (Bley: "Rabattaktionen in neuer Verpackung") und die WLTP-bedingten Lieferengpässe hätten den Neu- und Gebrauchtwagenmarkt negativ beeinflusst, weil im Geschäft mit neuen Automobilen die Rabatte "ins Zweistellige" gestiegen seien. Der Gebrauchtwagenmarkt habe darunter gelitten, dass das Fahrzeugsegment der sehr preiswerten Pkw durch die mit der Prämie verbundene Verschrottung den Markt "leergefegt" worden sei. Eine Auswirkung: der durchschnittliche Preis eines Gebrauchten sei im Privatmarkt um 15,4 Prozent auf 7.730 (Vorjahr: 6.700) Euro gestiegen.

Verbraucher hätten im vergangenen Autojahr unter einer durch die Diesel-Debatten und mögliche Fahrverbote ausgelösten Verunsicherung Kaufentscheidungen verschoben. Es fehle die Transparenz und Sicherheit, welche Konsequenzen für den einzelnen mit den kontrovers diskutierten Folgen der Mobilitätswende verbunden seien. Autokauf sei keine Investition "mal so", sondern ein "gut überlegter Entscheidungsprozess".

Durchschnittlich betrachtet habe der Autokäufer oder die Autokäuferin im Vorjahr für einen "neuen Neuen" rund 23.000 Euro zuzahlen und mehrheitlich finanzieren müssen, wenn der Vorbesitz in Zahlung gegeben worden sei. Erlöse aus diesem Verkauf betrügen 8.480 Euro und damit 450 Euro mehr als im Vorjahr. Rund drei Viertel der Neuwagenkäufe würden finanziert. 509,4 Millionen Euro seien für den Neu- und Gebrauchtwagenkauf von Privat investiert worden.

Die Unternehmer seien im vergangenen Jahr neben den konjunkturellen Turbulenzen auch mit brancheninternen Herausforderungen konfrontiert worden, beispielsweise durch neue Verträge mit Herstellern, neue Geschäftsmodellen mit Direktverkäufen und dem vielfältigen Spektrum der Digitalisierung. Bley sagte, in der vertraglichen Partnerschaft zwischen Automobilherstellern und Automobilhandel habe es zum Teil kräftig geknirscht.

Autopreise
gestiegen

Die durchschnittlichen Preise für neue und gebrauchte Pkw sind, wie Hans Jörg Koßmann, Obermeister der bremischen Kfz-Innung und stellvertretender Landesinnungsmeister, ergänzte, vor allem durch die Kundenwünsche nach Sicherheit, Komfort und Umweltverträglichkeit gestiegen. Mehrausstattungen und Assistenzsysteme schlügen sich im neuen Neuwagenpreis von 31.270 (Vorjahr: 30.660) Euro nieder. Auch der gestiegene SUV-Anteil von nahezu 14 Prozent auf 28,9 Prozent habe zum Anstieg des Durchschnittspreises um knapp zwei Prozent geführt.

Die Wünsche nach Mehrausstattungen seien für den Report der DAT detailliert untersucht worden. Diesen Erhebungen zufolge verfügten 38 (Vorjahr: 30) Prozent aller Neuwagen über einen Notbremsassistenten und 35 (Vorjahr: 31) Prozent der Neuwagen seien mit einer Rückfahrkamera ausgestattet. 45 (Vorjahr: 40) Prozent aller Neu- und Gebrauchtwagen verfügten über ein Navigationssystem und 65 (Vorjahr: 59) Prozent über einen Tempomaten. Diese Kundenwünsche seien preisbildend.

Diesel-Quote
zeigt Talfahrt

Die Diesel-Quote aus den Jahren 2016 bis 2018 verdeutliche die Einbußen des Diesels aufgrund der anhaltenden Verunsicherung durch die "kontrovers, emotional sehr oft faktenfrei geführten Debatten um die Mobilität der Zukunft". Bei den Neuzulassungen sei die Quote von 51,8 Prozent im Jahr 2016 über 42,9 Prozent auf 33,8 Prozent im Vorjahr gesunken. Dies entspreche 14.073 Diesel-Neuzulassungen im Jahr 2016, 9.696 Verkäufe im Jahr 2017 und 6.898 Erstzulassungen im Jahr 2018. Koßmann: "Das sind Einbußen von fast 7.000 Verkäufen."

Die Diesel-Einbußen seien im Geschäft mit gebrauchten Pkw moderater, obgleich der gebrauchte Euro 5-Pkw für den Privatkunden ein Ladenhüter sei. Der gewerbliche Käufer entlaste den Handel marginal, der vor allem unter den Standkosten dieser noch jungen und verbrauchsarmen Fahrzeuge leide. Vorwürfe an die Branche, mit dem Export dieser Fahrzeuge auch die Emissionen nach Ost- und Südosteuropa zu verlagern, wies der Obermeister zurück.

Zum einen gebe es aus diesen Ländern eine lebhafte Nachfrage, zum anderen sei der Handel bei täglichen Standkosten von knapp 30 Euro aus wirtschaftlichen Gründen zum Export gezwungen. Die Dieselquote im Gebrauchtwagenmarkt pendele in den vergangenen drei Jahren zwischen 32,9 und 31,7 Prozent.

Verluste im
Markenhandel

Im Gebrauchtwagenmarkt habe der Fachhandel leichte Verluste auf einen Marktanteil von 66 (Vorjahr: 67) Prozent hinnehmen müssen. Gewinner sei der Privatmarkt, der mit einem Plus von einem Prozentpunkt auf 34 Prozent Marktanteil 16.819 (Vorjahr: 16.386) Verkäufe erreicht habe. Der Markenhandel habe die Hälfte aller Besitzumschreibungen verkauft. Dies seien 24.734 (Vorjahr: 26.114) Besitzumschreibungen. Der reine Gebrauchtwagenhandel habe im vergangenen Jahr 7.914 (Vorjahr: 8.705) Gebrauchtwagen mit einem um drei Prozent auf 7.890 Euro gesunkenen Durchschnittspreis verkauft. Der Preis eines durchschnittlichen Gebrauchten sei um 4,7 Prozent auf 11.780 Euro gestiegen.

Elektro bleibt
in der Nische

Die Elektromobilität habe auch im Jahr 2018 den Status einer Nische nicht verloren. Mit 171 (Vorjahr: 86) Pkw-Neuzulassungen und einer Quote von 0,8 (Vorjahr: 0,4) Prozent sei der Stromer an der Weser unterdurchschnittlich präsent. Auch im Gebrauchtwagenmarkt gebe es mit 44 (Vorjahr: 26) Halterwechseln und einer Quote von 0,09 (Vorjahr: 0,05) Prozent lediglich marginale Aufwärtstendenzen. Koßmann sagte, es sei noch ein weiter Weg zu einer elektrisch getragenen Mobilität aus "sauberem Strom".

Dies zeige sich auch in der Jahresbilanz 2018 für die Elektroprämie. Im vergangenen Jahr habe es 214 Anträge für die finanzielle Förderung gegeben. Ein Jahr zuvor seien es 162 gewesen. Insgesamt stünden 432 Prämien in der Bilanz. Insgesamt sei an die Weser die Fördersumme in Höhe von 1,5 Millionen Euro aus dem mit 1,2 Milliarden Euro gefüllten Fördertopf geflossen.

Auch die Lücken in der Ladeinfrastruktur seien ebenso wie die höheren Preise für neue Stromer ein Hindernis in der automobilen Entwicklung. Koßmann warnte, diese Technologie dürfe nicht im Wege der politischen Quote bevorzugt werden. Bereits die Elektro-Prämie sei eine Subvention und verzerre den Wettbewerb.

Die Ladeinfrastruktur in Bremen sei mit 71 Säulen noch lückenhaft. Die Bundesnetzagentur veröffentliche bewusst nur die Ladepunkte, die den Anforderungen der Ladesäulenverordnung genügten, um somit ein besonderes Augenmerk auf die technische Sicherheit der Anlagen zu legen. Die Ladesäulenverordnung (LSV) sei eine gesetzliche Vorgabe, nach der nur Ladesäulen, an denen mehrere Fahrzeuge gleichzeitig laden können, in die Statistik der Bundesnetzagentur flössen.

Service legt
wieder zu

Unterschiedlich seien im Service die Aufträge für Wartung und Reparatur verlaufen. Die durchschnittlichen Wartungskosten seien um 4,4 Prozent auf 275 Euro gesunken, beim durchschnittlichen Reparaturauftrag sei man um zehn Euro auf 177 Euro teurer geworden. Diese Daten aus dem aktuellen DAT-Report zeigten ein stabiles Geschäft, in dem die gute Auslastung zum Teil längere Vorlaufzeiten erfordert habe. Das Umsatzplus im Service habe einmal mehr seine Ursache im hohen Alter des Pkw-Bestandes an der Weser, aber auch einer gestiegenen Jahresfahrleistung und einem stark gestiegenem Unfallreparaturgeschäft. Im Autojahr 2018 habe man 259,5 (Vorjahr: 246,8) Millionen Euro verbucht. Das Plus liege bei 5,1 Prozent.

Nutzfahrzeuge
legen wieder zu

Der Nutzfahrzeugmarkt an der Weser setzte seinen positiven Trend aus dem Jahr 2017 auch 2018 fort. Mit 1.869 Einheiten, das entspreche einem Wachstum von 5,9 Prozent, liege der Nutzfahrzeugbereich bei den Neuzulassungen erneut auf Rekordniveau. Zu diesem Ergebnis trügen alle Gewichtsklassen bei: Der Absatz leichter Nutzfahrzeuge sei bundesweit um 5,5 Prozent, Neuzulassungen schwerer Fahrzeuge über 16t (inkl. Busse) um drei Prozent gestiegen. Im Autojahr 2018 seien in Bremen 2.252 (Vorjahr: 2.284) gebrauchte Nutzfahrzeuge verkauft worden.

Der Motorrad-Markt an der Weser habe im Neugeschäft leicht verloren und bei gebrauchten Zweirädern Zuwächse verbuchen können. 741 (Vorjahr: 807) neue Motorräder, Leichtkrafträder, Leichtkraftroller und Kraftroller und 2.252 (Vorjahr: 2.237) gebrauchte Zweiräder zählten zur Jahresstatistik.

Ausbildungs-Bilanz

"Wir sind für den Service der Zukunft gut aufgestellt." Mit diesen Worten legte Hans-Jörg Koßmann die bremische Ausbildungsbilanz vor. Nachdem man im vergangenen Jahr nicht alle Ausbildungsplätze habe besetzen können, sei das Interesse für die Auto-Berufe in diesem Jahr gestiegen. 2,7 Prozent plus bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen für Kfz-Mechatroniker und eine stabile Entwicklung beim Automobilkaufmann/-frau seien positiv. Dies entspreche 228 (Vorjahr: 222) neuen Mechatronikern und 36 (Vorjahr: 36) neuen Kaufleuten. Die Bilanz werde durch 9 (Vorjahr: 9) Zweirad-Mechatroniker komplettiert.

Das in Bremen gestartete Lernprojekt „Zukunftstechnologie E-Mobilität“ für die Hochvolttechnik ist, wie Kossmann berichtete, seit August 2018 auf einem erfolgreichen Weg. Die Ausbilderinnen und Ausbilder seien bereits im Fraunhofer Institut geschult worden und für die Auszubildenden hätten schon überbetriebliche Lehrlingsunterweisungen im Handwerk stattgefunden. Auch die Berufsschule richte ihren Unterricht unter Berücksichtigung des Rahmenlehrplans an der Schwerpunktausbildung aus. Koßmann sagte: "Fraunhofer Institut, Handwerk und Schule arbeiten im engen Austausch zusammen. Alle 15 an dem Projekt teilnehmenden Auszubildenden sind sehr engagiert".

Auch für die neuen Auszubildenden ab Sommer 2019 biete die Innung wieder diese Schwerpunktausbildung an, denn trotz aller mageren Zahlen für die Elektromobilität sei es unverzichtbar, heute die Ausbildung auf morgen auszurichten.

Perspektive mit
v
ielen Fragezeichen

Die Perspektive im kleinsten deutschen Ländermarkt sei für das Jahr 2019 sei mit vielen Fragezeichen bestückt, die eine seriöse Prognose nahezu unmöglich machten. "Wenn die Axt weiterhin an den Individualverkehr angelegt wird, gibt es unruhige automobile Zeiten," sagte Koßmann mit Hinweis auf einen schwachen Jahresstart an der Weser. Gebrauchte Pkw hätten einen Zuwachs von 1,8 Prozent im Januar verbucht. Allerdings habe der Diesel 8,5 Prozent verloren.

Zweistellig sei das Minus bei neuen Pkw gewesen. 10,2 Prozent Einbußen auf 1.632 (Vorjahr: 1.818) Neuzulassungen dämpften die Stimmung für das neue Autojahr. Der Verband erwarte für 2019 rund 20.000 Neuzulassungen und bei Gebrauchtwagen einen "leichten Sprung über die 50.000er Marke". Im Service seien Perspektiven schwerlich möglich. Die Branche warte auf "schnelle Entscheidungen und Angebote für die Diesel-Hardware-Nachrüstung".

Letzte Änderung: 06.03.2019Webcode: 0123580