Starke Umsatzverluste durch Diesel-Debatten

Jahrespressekonferenz Bremen zu Branchenthemen (v.l.) Geschäftsführer Christian Metje, Präsident Karl-Heinz Bley, stellv. Obermeister Günther Engelke, Obermeister Hans Jörg Koßmann und Anke Kuckertz, Geschäftsführung der Kfz-Innung Bremen. Foto: ProMotor/nds

Gesamtmarkt setzt noch 1,63 Milliarden Euro um - Rund 74.000 Autokäufe - 4.400 Diesel-Pkw weniger verkauft - Markenhandel gewinnt bei gebrauchten Pkw - Service leicht im Plus - Beispielhafte Ausbildungs-Aktion - Perspektive mit vielen Fragezeichen - Jahresstart mit weiterer Talfahrt beim Diesel - Benziner-Pkw gewinnen - Gegen Fahrverbote und Blaue Plakette

Bremen. Der bremische Automarkt hat durch die von den Diesel-Debatten ausgelöste Verunsicherung und Kaufzurückhaltung starke Umsatzverluste hinnehmen müssen. Mit minus 7,2 Prozent auf 1,63 (Vorjahr: 1,75) Milliarden Euro sanken die Erlöse stärker als befürchtet. Pkw-Neuzulassungen rutschten mit 16,7 Prozent minus auf 22.608 (Vorjahr: 27.155) Verkäufe ab. Entgegen dem allgemeinen Trend legte der Gebrauchtwagen-Markt indes um 0,6 Prozent auf 51.205 Umschreibungen zu. Die Betriebe des Kraftfahrzeuggewerbes in Bremen und Bremerhaven haben einen Anteil am Gesamtumsatz von 78,5 Prozent. Dies seien 1,3 Milliarden Euro. Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen, sagte vor Journalisten, nach dem besten Autojahr in der bremischen Geschichte 2016 sei dies ein besonders bitterer Rückschlag für die Automobil-Unternehmen an der Weser. Die Dimension der Verunsicherung werde deutlich, wenn man allein die Verluste von rund 4.400 Diesel-Verkäufen sehe. Bley zeigte sich zuversichtlich, dass in Bremen "aus Umweltgründen Fahrverbote nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vermieden werden können". Mit 39 Mikrogramm je Kubikmeter Luft sei im vergangenen Jahr in Bremen der Grenzwert unterschritten worden. Wörtlich: "Die Entwicklung geht in die richtige Richtung.

Die überdurchschnittlich stark gesunkenen Neuwagenverkäufe hätten offensichtlich nur leichte Impulse durch die Diesel-Eintauschprämien gehabt. Der im Bundesvergleich ohnehin geringe Privatanteil des Automarktes in Bremen an den Zulassungen sei auf knapp 27 Prozent gestiegen.

Dies seien neun Prozentpunkte weniger als im Bundesdurchschnitt. Starke Verluste beim neuen Diesel von nahezu einem Drittel Prozent auf noch 9.696 (Vorjahr: 14.073) Verkäufe gehörten auf die Soll-Seite der Bilanz.

Von den insgesamt 73.813 (Vorjahr: 78.046) Käufen neuer und gebrauchter Pkw sind den Angaben von Karl-Heinz Bley zufolge 54.749 oder 74,2 Prozent von privat erworben worden. Den Kauf dieser Pkw finanzierten die Bremer mit Krediten in Höhe von 260,2 Millionen Euro, davon allein 189,7 Millionen für gebrauchte Pkw. Erlöse aus dem sogenannten Vorbesitz, Ersparnisse und Geschenke seien die drei anderen Säulen der Kaufpreise.

Der auf 30.660 Euro gestiegene durchschnittliche Neuwagenpreis habe eine Ursache im hohen Kaufinteresse für SUV, die fast ein Viertel des Neuwagen-Marktes ausmachten. Die Kompaktklasse hingegen habe rund fünf Prozent Marktanteil verloren. Die Kundenwünsche nach besserer Ausstattung und hier im Besonderen auch Sicherheits-Features seien ein weiterer Grund für den erstmals über 30.000 Euro liegenden Durchschnittspreis. 60 (Vorjahr: 52) Prozent der neuen Pkw verfügten über Freisprecheinrichtung, 92 (Vorjahr: 85) Prozent über Einparkassistent oder -hilfe, 31 (Vorjahr: 24) über eine Rückfahrkamera und 24 (Vorjahr: 19) über einen Spurhalteassistenten.

Das Segment der alternativen Antriebe sei bei den Neuzulassungen unverändert von geringer Bedeutung mit einer Quote von 3,6 (Vorjahr: 2,0) Prozent. Insgesamt weise diese Gruppe 807 (Vorjahr: 546) Neuzulassungen aus. Davon seien 86 (Vorjahr: 51) Elektro- und 654 (Vorjahr: 435) Hybrid-Pkw. Hinzu kämen noch 33 (Vorjahr: 26) autogas- und 34 (Vorjahr: 34) erdgasbetriebene Gebrauchtwagen.

Der Bremer Obermeister der Kfz-Innung und stellvertretende Landesinnungsmeister, Hans Jörg Koßmann, sagte zur Lage der Elektromobilität an der Weser, es sei noch ein weiter Weg zu den politischen Zielen von 15 oder gar 25 Prozent Anteil der Elektromobilität.  Der Stromer sei noch nicht aus den "Kinderschuhen entwachsen".

Dies zeige sich auch in den Bestandszahlen mit 349 batteriebetriebenen Pkw in Bremen und Bremerhaven. Hinzu kämen 1.937 Hybrid-Fahrzeuge. Bremen verfüge über 64 öffentlich zugängliche Ladestationen.

In diesem Zusammenhang ging Koßmann auf ein bundesweit einmaliges Ausbildungsprojekt ein. Das Projekt sei vielversprechend angelaufen. Zum Ausbildungsstart werde die Innung abschließende Zahlen voraussichtlich Ende August vorlegen können.

„Ich danke auch heute in diesem Kreis unseren Partner bei diesem Projekt für die Elektromobilität in Bremen. Dies sind das Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und angewandte Materialforschung, das Kompetenzzentrum der Handwerkskammer, das Technische Bildungs­zentrum Mitte, das Institut Technik und Bildung der Uni Bremen und der Bildungssenatorin Claudia Bogedan, die die Schirmherrschaft übernommen hat“.

Koßmann zeigte sich zuversichtlich, dass "wir heute unsere jungen Menschen mit dem Lehr- und Ausbildungsprojekt auf eine Technologie von Morgen vorbereiten". Das Kfz-Gewerbe sei unverändert ein attraktiver Arbeit- und Ausbildungsgeber. Knapp 300 neue Ausbildungsverträge, davon 222 für den Kfz-Mechatroniker, spiegelten wider, dass "Auto-Berufe Berufe mit Zukunft sind".  36 neue Ausbildungsverträge für den Automobilkaufmann, 24 für den Fahrzeuglackierer und neun für den Zweiradmechatroniker Fahrrad stünden in der Bilanz, die insgesamt ein Plus von 10,2 Prozent ausweist.

Die Bilanz des Werkstattgeschäfts sei im vergangenen Autojahr eine der wenigen Konstanten gewesen. Der um 0,7 Prozent auf 246,9 Millionen Euro gestiegene Werkstattumsatz resultiere aus einem gestiegenen Wartungsbereich, leichten Rückgängen bei den Verschleißreparaturen und den Unfallreparaturen. Dies zeige sich auch im Gesamtvolumen der Werkstattaufträge mit rund 725.000 Werkstattaufträgen.

Auffällig im Service seien die um 2,7 Prozent pro Betrieb gestiegenen Werkstattaufträge im Vergleich zum kleineren Umsatzplus. Dies habe zwei Gründe: Zum einen sei den freien Servicebetrieben ein Volumen durch die Diesel-Tausch-Prämie weggebrochen, zum anderen hätten die markengebundenen Betriebe mit den Software-Updates geringere Erlöse.

Gute Noten gebe es für die Werkstätten im neuen DAT-Report. Demnach ließen 82 Prozent aller Pkw-Halter Wartungs- und Reparaturarbeiten immer in derselben Werkstatt durchführen. Lediglich drei Prozent seien mit ihrer Werkstatt unzufrieden, 78 Prozent dagegen außerordentlich zufrieden und 18 Prozent zufrieden.

Abschließend ging Präsident Karl-Heinz Bley auf die Erwartungen für das Autojahr 2018 ein. Vor dem Hintergrund der Diesel-Debatte und dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu Fahrverboten bleibe eine starke Unsicherheit im Markt für neue und gebrauchte Pkw, insbesondere für Diesel-Fahrzeuge. Strukturelle Veränderungen durch die Digitalisierung und vor allem die Veränderungen im Automobilvertrieb durch Kündigungen der Verträge durch Hersteller sorgten für erhebliche Unruhe. Eine weitere Unbekannte betreffe den Service, denn mögliche von der Politik initiierte Nachrüstungen könnten deutliche Impulse für die Werkstatt-Aufträge auslösen.

Dies sei aber für das laufende Autojahr fraglich, denn Nachrüstungen seien modellspezifisch nur in einem aufwendigen Genehmigungsverfahren möglich. Bley forderte die Politik auf, diese Genehmigungsverfahren "deutlich zu beschleunigen". Allerdings dürfe weder der Kunde noch der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden. Bley: "Nachrüstungen von Euro 5-Pkw sollten die bezahlen, die mit einem Update nicht die gewünschten Minderungen der Schadstoffe erreichten."

Das Kfz-Gewerbe erwarte für das Autojahr 2018 trotz aller negativer Begleitumstände mit 78.000 Autokäufen einen stabilen Markt, der sich mit rund 24.000 Neuzulassungen und 54.000 Besitzumschreibungen aufteile. In den ersten beiden Monaten habe man mit 11.355 Verkäufen knapp 15 Prozent "des schwierigen Weges im neuen Autojahr zurückgelegt".

Der Jahresstart sei in den ersten beiden Monaten allerdings nicht gelungen, denn vor allem im Geschäft mit Neuwagen habe es deutliche rote Zahlen gegeben. Minus 6,2 Prozent für die ersten beiden Monate, dabei ein Absturz des Diesels um 31,5 Prozent, seien Besorgnis auslösend. Das Geschäft mit gebrauchten Pkw sei auf dem Vorjahresniveau gestartet und liege kumulativ mit 0,4 Prozent leicht im Plus. Dies seien rund 8.000 Besitzumschreibungen.

In der Elektromobilität erwarte der Verband "noch keinen Autofrühling", denn die fehlende Infrastruktur und der unverändert hohe Preis eines Stromers würden starke Impulse verhindern. Hinzu kämen lange Lieferzeiten bei den aktuellen Modellen. 19 neue Stromer, davon zehn im Januar, seien bisher erstmals zugelassen worden.

Letzte Änderung: 28.03.2018Webcode: 0119033