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Kfz-Gewerbe: Höhere Umsatz, weniger Ertrag

(oben) Präsident Karl-Heinz Bley und Landesspressesprecher Joachim Czychy während der telefonischen Pressekonferenz. Foto: LV Niedersachsen-Bremen

Dynamische Neuzulassungen und höherer Preis - Starker Gebrauchtwagenmarkt – Teilmärkte „durcheinander“ - Service kommt unter Druck – Hohe Werkstatt-Auslastung - Fast 32 Milliarden Euro Gesamtumsatz – Ausbildungsbilanz „mit Schrammen“ – Neue Nutzfahrzeuge unter Vorjahr - Politik in der Kritik – Kunden und Handel erwarten Kaufprämie-Entscheidung 

Großburgwedel. Das Kraftfahrzeuggewerbe in Niedersachsen hat seine Umsätze zwar gesteigert, doch die wirtschaftliche Lage der Unternehmen hat sich weiter verschärft. Steigende Kosten ließen die Umsatzrendite vor Steuern auf 2,1 (Vorjahr: 3,0) Prozent sinken. Im Gesamtumsatz des niedersächsischen Automarktes steht eine neue Höchstmarke: 31,7 Milliarden Euro. 13,6 Milliarden Euro für das Neuwagengeschäft, 13,0 Milliarden Euro für den Markt für gebrauchte Pkw. Der Service weist 3,7 Milliarden Euro aus und das Geschäft mit neuen und gebrauchten Lkw hat 1,4 Milliarden Euro erreicht. Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen, erläuterte in einer Telefon-Schaltung den Umsatzsprung mit den Steigerungen bei Pkw-Zulassungen und einem gestiegenen durchschnittlichen Pkw-Preis von 44.780 Euro. Mit Blick auf das neue Autojahr sagte er, die gestiegenen Kosten der individuellen Mobilität und die zögerlichen Entscheidungen der Politik erschwerten verlässliche Prognosen. Die Inflationsangst der Verbraucher drücke die Nachfrage. Wörtlich: „Wir bleiben dennoch zuversichtlich mit dem nötigen Blick auf die automobile Realität“.

„Mit den Ergebnissen des vergangenen Autojahres könnten wir zufrieden sein. Sind wir aber nicht! Höhere Umsätze durch steigende Autokäufe in Niedersachsen auf der einen, aber sinkende Erträge auf der anderen Seite sind keine stabilen Marktdaten für unsere Branche. Der betriebswirtschaftliche Anker, das Werkstattgeschäft, ist unter Druck geraten – Rückgänge auf zufriedenstellendem Niveau. Und die Nachfrage nach neuen und gebrauchten Pkw ist von den privaten Haushalten nicht dynamisch. Positiv in unserer Jahresbilanz ist trotz aller Hemmnisse und Hürden die Ausbildung“, sagte Bley in seinem Statement.

Der niedersächsische Pkw-Markt sei um 6,4 Prozent bei den Neuzulassungen gewachsen, 1,4 Prozent im bundesweiten Durchschnitt. 304.330 neue Pkw seien auf den ersten Blick gut, auf den zweiten aber erkenne man Sondereinflüsse, die nicht in die Kategorie „normaler Konjunkturverkauf“ passten. Hersteller und Importeure hätten mit Eigenzulassungen an der Schraube gedreht, um Strafzahlungen der EU zu vermeiden.

Es ging und werde weiter um die CO2-Flottengrenzwerte gehen. Es gelte aus Herstellersicht Strafzahlungen zu vermeiden. Also werde es auch in diesem Jahr Sondereffekte geben, wie die Marktdaten in den ersten beiden Monaten gezeigt hätten.

Die KBA-Jahresstatistik weise mit starken Daten die Elektromobilität als Treiber der Pkw-Neuzulassungen aus:  73,2 Prozent plus für vollelektrische Pkw (BEV) und 158,6 Prozent Steigerung für Plug-In Hybride. Das waren 67.351 BEV und 35.375 PHEV. Zusammen erreichten die E-Pkw 103.249 (Vorjahr: 52.859) Neuzulassungen, was einer Zunahme von 95,3 Prozent entspreche.

Verbrenner weiter
auf der Talfahrt

Dem gegenüber habe die Talfahrt der beiden Verbrenner Benziner und Diesel angehalten. Minus 23,6 Prozent für Benziner und eine Einbuße von 17 Prozent für den Diesel. Gemeinsam hätten die Verbrenner 138.083 (Vorjahr: 175.685) Zulassungen bilanziert. Die Einbuße in absoluten Zahlen liege also mit knapp 38.000 Einheiten unter dem Vorjahreswert.

Im Segment der alternativen Antriebe steche der Hybrid ohne Stecker mit lediglich 61.705 (Vorjahr: 55.974) Neuzulassungen aus der Statistik heraus. Das hohe Wachstum bei den PHEV sei zum einen ein starker Nachholbedarf, zum anderen die steigende Beliebtheit der Modelle mit E- und Verbrenner-Motor. Meist sei es ein Benziner. Vor allem Dienstwagen seien oft Plug-in-Hybride, weil sie auch auf langen Strecken ohne Reichweitenangst unterwegs sein können.

In diesem Zusammenhang stehe die Erwartung, dass auch Plug-in-Hybride von der neuen, hoffentlich bald kommenden Kaufprämie gefördert werden. Für diese Autos und Fahrzeuge mit einem Range Extender soll die Förderung aus der Staatskasse bei 1.500 Euro liegen. Zur Förderfähigkeit zähle ein Ausstoß von bis zu 60 Gramm CO2 pro Kilometer und einer elektrischen Reichweite von 80 Kilometern.

Niedersachsen besser
als Bundesdurchschnitt

Auch im Gebrauchtwagenmarkt habe Niedersachsen über dem Bundesdurchschnitt gelegen. Plus 1,2 Prozent auf 713.758 Besitzumschreibungen. Bundesweit habe das Plus 0,5 Prozent betragen. In der Addition neuer und gebrauchter Pkw habe der niedersächsische Automarkt mit einem Plus von 2,7 Prozent die Millionen-Marke überschritten: 1.017.978 Autokäufe.  Statistisch also alles im „grünen Bereich“, die automobile Realität aber sehe anders aus.

Im Gebrauchtwagenmarkt gebe es zwei „Eigenarten“: Erstens steige der Anteil der BEV zwar deutlich mit plus 40,6 Prozent auf einen mageren Anteil von 3,9 Prozent, zweitens hätten sich die Teilmärkte (Markenhandel, freier Gebrauchtwagenhandel und Privatmarkt) deutlich verändert. Der Markenhandel sei der Verlierer mit einer Einbuße von sechs Prozentpunkten. Gewonnen habe der freie Markt mit einer Zunahme von vier Prozentpunkten.

Leichter Anstieg 
des Pkw-Preises

Zu den Preisen: 44.780 Euro habe ein durchschnittlicher neuer Pkw gekostet. Das seien 2,3 Prozent mehr. Ein Grund des Anstiegs seien die Veränderungen in den Segmenten, denn kleine Klassen hätten verloren, SUV dagegen auf 45,5 (Vorjahr: 43,2) Prozent zugelegt. Um gleich dem Kulturkampf gegen das Auto und hier im Besonderen gegen die SUV vorzubeugen, verwies Bley auf die kleinen und kompakten SUV mit einem Anteil von 33,3 (Vorjahr: 32,5) Prozent. Große SUV erreichten einen Anteil von 8,6 (Vorjahr: 7,2) Prozent. 

Ein durchschnittlicher gebrauchter Pkw kostete mit 18.560 Euro 1,2 Prozent weniger, teilte Landespressesprecher Joachim Czychy mit. Dabei reiche die Bandbreite, je nach Teilmarkt, von 25.350 (Vorjahr: 26.140) Euro im Markenhandel über 14.990 (Vorjahr: 13.070) Euro im Privatmarkt bis zu 13.880 (Vorjahr: 13.390) Euro im freien Gebrauchtwagenhandel.

Bei der Preisentwicklung sei die Elektromobilität ein Treiber, denn beispielsweise liege der Preis eines Plug-in-Hybrids (PHEV) mit 64.570 Euro deutlich über dem allgemeinen durchschnittlichen Preis eines neuen Pkw. Auch Diesel seien teurer geworden mit durchschnittlich 50.030 Euro, während Benziner nach DAT-Daten bei 33.150 Euro lägen. Bley sagte, ein Grund sei auch das sinkende Angebot an Kleinwagen. Aber auch die Fahrsicherheitsassistenzsysteme erhöhten den durchschnittlichen Preis für neue Pkw.

Weniger Arbeiten
im Service

Im Service spiegele sich der zunehmende Druck in der abnehmenden Zahl der Werkstattbesuche wider. Laut aktuellem DAT-Report hätten sich sowohl die Wartungsarbeiten pro Pkw ebenso wie die Reparaturarbeiten pro Pkw reduziert. Bei der Wartung seien es 0,97 nach 1,03 Arbeiten pro Pkw und bei den Verschleißreparaturen 0,35 nach 0,41 Arbeiten pro Pkw.

Der Rückgang der Service-Umsätze habe auch durch die gestiegene Jahresfahrleistung abgefedert werden können. Niedersächsische Autofahrerinnen und Autofahrer hätten im Jahr 2025 nach DAT-Angaben 13.140 Kilometer und damit 4,6 Prozent mehr zurückgelegt. 

Auf der Schattenseite der Kfz-Bilanz stehe seit Jahren erstmals wieder die Ausbildung, erklärte Bley. Das Minus der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den Kraftfahrzeugberufen mit einem Rückgang von 3,0 Prozent entspreche dem allgemeinen Trend auf dem Ausbildungsmarkt. Vor dem Hintergrund demografischer Veränderungen, rückläufiger Zahlen der Schulabgänger sowie der weiterhin angespannten Bewerberlage seien die Minuszahlen „mit Blick auf die Fachkräfte-Lage gerade noch vertretbar“. 

Kfz-Mechatroniker
bleibt die Nummer1

In Niedersachsen habe es 3.453 (Vorjahr: 3.561) neue Ausbildungsverträge gegeben. Der Kfz-Mechatroniker/-in belege mit 2.661 (Vorjahr: 2.709) Neuverträgen den führenden Rang. Der Automobilkaufmann/-frau erreichte 573 (Vorjahr: 585) Verträge. 120 (Vorjahr: 144) Verträge für Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker/-in, 66 (Vorjahr: 84) Verträge für Zweiradmechatroniker/-in Fachrichtung Fahrradtechnik und 33 (Vorjahr 39) Verträge für Zweiradmechatroniker/-in Fachrichtung Motorradtechnik.

Bekanntlich sei die Ausbildung eigener Fachkräfte eine der nachhaltigsten Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Wer seinen Fachkräftenachwuchs selbst ausbildet, habe einige Vorteile. Eigene Ausbildung sei das beste Rezept gegen den Fachkräftemangel. In einem zunehmend technologiegeprägten Umfeld in Verkauf und Service seien die Anforderungen an die Schulabgänger weiter gestiegen. Dieser Prozess setze sich allein mit dem Blick auf die wachsende Elektromobilität fort.

Die Ausbildungs-Zahlen im Detail: 2.661 neue Ausbildungsverträge für den Kfz-Mechatroniker/-in seien ein Minus von 1,8 Prozent, für den Automobilkaufmann/-frau seien 573 neue Verträge eine Einbuße von 2,1 Prozent. Nicht allein durch die E-Mobilität stiegen die Anforderungen an die Bewerber, allgemein sei der Arbeitsmarkt im Kraftfahrzeuggewerbe im Wandel.

Bürokratie in
der Kritik

Um den Unternehmen wieder „Luft zum Atmen und zum Erholen“ zu verschaffen, sagte Bley, sei der Abbau der Bürokratie-Lasten und eine Beschleunigung der Infrastruktur unerlässlich. Vor allem die EU-Bürokratie-Monster mit einer bisher nicht gekannten Regulierungsdichte. 

Eine Analyse des Navigationsspezialisten TomTom habe die wachsende Verkehrslast in den Großstädten gezeigt. Norddeutsche Autofahrer verlören immer mehr Zeit. Das sei und bleibe ein strukturelles Problem. Für den Großraum Hannover beispielsweise weise der Index ebenfalls eine steigende Belastung aus. Dort lag das durchschnittliche Staulevel 2025 bei 29 Prozent – höher als im Vorjahr. Während der Hauptverkehrszeiten hätten Autofahrerinnen und Autofahrer insgesamt etwa 104 Stunden auf den Straßen. Die Daten zeigten auch Hannovers Position als zentraler Verkehrs- und Pendlerknoten in Norddeutschland.

Als Ursachen für den anhaltenden Verkehrsdruck nennt TomTom in seiner Studie unter anderem längere Pendelwege, eine abnehmende Homeoffice-Nutzung sowie eine hohe Baustellendichte. Hinzu komme ein wachsender Fahrzeugbestand, der in Niedersachsen plus 0,5 Prozent betrage. Bley sagte: „Kurzfristig ist keine spürbare Entlastung zu erwarten, der Spaß am Auto geht verloren,“ hieß es. Man hoffe aber, dass es aus dem Sondervermögen des Bundes zeitnah Mittel für die Straßeninfrastruktur geben werde.