
Über zwei Milliarden Euro Gesamtumsatz – Weniger Autokäufe – Schwache Pkw-Neuzulassungen – Politik muss für neuen Umweltbonus liefern - Privatmarkt gewinnt bei Gebrauchtwagen – Service bleibt der Leuchtturm – Ausbildungsbilanz mit Schrammen - Kritik an der „lähmenden Bürokratie“ – Schwache Zuversicht für das aktuelle Autojahr – Branche hofft auf konjunkturelle Erholung
Bremen. Der Pkw-Markt an der Weser hat eine bisher nicht gekannte Berg- und Talfahrt erlebt: zweistelliges Minus für neue und einstelliges Plus für gebrauchte Pkw. Neun Monate „in Rot“ und ein „grandioser Jahresabschluss“ im Dezember mit 36,6 Prozent Plus für die Pkw-Neuzulassungen spiegelten die fehlende Stabilität und die starken Sondereffekte wider. Insgesamt 63.990 (Vorjahr: 64.951) Käufe neuer und gebrauchter Pkw stehen in einer Jahresbilanz, die ein „schwieriges und auch schmerzhaftes Autojahr“ abbildet. Vor allem das Ergebnis der Neuzulassungen mit minus 12,9 Prozent, die Ausbildungsbilanz mit 16,2 Prozent weniger neuen Ausbildungsverträgen und eine deutlich gesunkene Umsatzrendite vor Steuern auf 2,1 stehen auf der Schattenseite. Mit dem Verkauf neuer und gebrauchter Pkw und Lkw sowie dem Service bilanzierte der Automarkt an der Weser 2.020,4 (Vorjahr: 2.074,9) Millionen Euro, ein Rückgang von 2,6 Prozent. Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen und Hans Jörg Koßmann, Obermeister des Kraftfahrzeugtechniker-Handwerks Bremen, sagten bei der Vorlage der Jahresbilanzen, große Sorge bereite der Kostenanstieg der individuellen Mobilität. „Das Auto darf nicht zum Luxus für wenige werden“, hieß es.
Erfreulich in der Jahresbilanz sei die Entwicklung der Elektromobilität im Neuwagen- und auch Gebrauchtwagenmarkt. Letzterer dümpele auf niedrigem Niveau mit hohen Steigerungen. Bei der Steigerung der vollelektrischen neuen Pkw (BEV) um 41,8 Prozent auf 3.264 Stromer sollte man berücksichtigen, dass Hersteller und Importeure mit starken Eigenzulassungen aktiv waren. Auch in diesem Jahr sei mit diesen Sondereffekten zu rechnen, denn Hersteller und Importeure „brauchen dynamische BEV-Marktzahlen, um Strafzahlungen der EU zu vermeiden“, sagte Bley.
Bei dem auf 34,3 (Vorjahr: 20,5) Prozent gestiegenen E-Anteil an den Neuzulassungen ragten Plug-in-Hybride (PHEV) mit einem Plus von 52,1 Prozent heraus. Der Anteil aller alternativen Antriebe ist, wie Bley weiter mitteilte, auf 63,8 Prozent gestiegen. Verbrenner blieben auf Talfahrt und erreichten einen Anteil von 36,2 (Vorjahr: 49,1). Dies entspreche 3.350 (Vorjahr: 5.722) Benziner und 2.489 (Vorjahr: 3.384) Diesel. Die Marktdaten des neuen Jahres zeigten vor allem an der Weser, dass dem Automarkt „jegliche Dynamik“ fehle. Mit wachsender Sorge schaue die Branche auf das vor allem durch die explodierenden Kraftstoffpreise gedämpfte Kaufinteresse „für Produkte der individuellen Mobilität“.
Der Pkw-Markt an der Weser habe im Vorjahr mit den Pkw-Neuzulassungen 722,7 (Vorjahr: 811,1) Millionen Euro umgesetzt. Das seien 10,9 Prozent im Jahresvergleich weniger und 17,5 Prozent weniger als der Gebrauchtwagenmarkt. Der durchschnittliche Pkw-Preis betrage 44.780 (Vorjahr: 43.770) Euro, während für einen gebrauchten Pkw 18.560 (Vorjahr: 18.780) Euro ausgegeben werden mussten.
E-Preise
gestiegen
Die E-Mobilität habe bei den durchschnittlichen Preisen zum Teil zweistellig gepunktet. Vor allem die im gewerblichen Bereich stark nachgefragten Plug-in-Hybride (PHEV) seien um 16,3 Prozent auf einen durchschnittlichen Preis von 64.570 Euro gestiegen. Vollelektrische neue Pkw (BEV) bilanzierten mit Blick auf den Durchschnittspreis eines Neuwagens eine sich nahezu schließende Preisschere mit 47.160 Euro (Vorjahr: 45.860) Euro.Niedrigere Preise habe der DAT-Report für Benziner mit 33.150 (Vorjahr: 35.960) Euro und für Diesel mit 50.030 (Vorjahr: 51.720) Euro gemeldet.
Von den 47.850 (Vorjahr: 46.420) Pkw-Besitzumschreibungen entfielen 17.226 (Vorjahr: 19.496) auf den Markenhandel, 18.183 (Vorjahr: 15.783) auf den freien Handel und 12.441 (Vorjahr: 11.141) auf den Privatmarkt. „Der freie Handel hat die Spitze übernommen,“ sagte Bley zu den nachhaltigen Veränderungen. Der Markenhandel habe sechs Prozentpunkt eingebüßt, der freie Handel habe vier und der Privatmarkt zwei Prozentpunkte gewonnen. Neben der gestiegenen Preissensibilität der Verbraucher seien strukturelle Veränderungen in den Vertriebslandschaften ursächlich.
Autokauf „auf Pump“:
Auch 100 Prozent
In Zeiten hoher Lebenshaltungskosten und hoher Arbeitslosigkeit habe sich die Schwäche der privaten Haushalte auch im Anstieg der Finanzierungen beim Autokauf gezeigt. In immer mehr Fällen gehe es nicht ohne „Kauf auf Pump“, sagte Koßmann. Auffällig seien die 100-Prozent-Finanzierungen, die beim Neuwagenkauf 12 und beim Gebrauchtwagenkauf 14 Prozent ausmachten. Die durchschnittlichen Finanzierungen betrügen rund 20.000 Euro für neue und 7.400 für gebrauchte Pkw. Insgesamt seien 168,3 Millionen Euro in die Finanzierung investiert worden.
Koßmann sagte dazu, individuelle Mobilität dürfe nicht „zum Luxus für wenige“ werden. Stelle man die durchschnittlichen Pkw-Preise und das durchschnittliche Einkommen gegenüber, werde die Sorge deutlich. Er untermauerte diese Aussage mit einer „Rechnung“: Bei einem Neuwagenpreis im Durchschnitt von aktuell 44.780 Euro müssten rund 80 Prozent eines Jahreseinkommens investiert werden. Viele Haushalte könnten aber nur maximal die Hälfte investieren und deckten ihre Mobilitätswünsche auf dem Gebrauchtwagenmarkt. 94,2 Prozent aller bundesweiten Gebrauchtwagenkäufe kämen aus Privat-Haushalten.
Der Nutzfahrzeugmarkt an der Weser habe sich dem negativen Trend, vor allem im sogenannten schweren Bereich, nicht entziehen können. Die Einbuße von 1,0 Prozent auf 1.747 (Vorjahr: 1.764) Neuzulassungen sei ursächlich auf die Klassen über 12 Tonnen zurückzuführen. Transporter und leichte Nutzfahrzeuge, sagte Bley, hätten positiv bilanziert. Dem schwachen Neufahrzeugmarkt stehe die positive Bilanz für gebrauchte Lastwagen gegenüber. Plus 6,1 Prozent auf 2.989 (Vorjahr: 2.816) Einheiten weise die Jahresbilanz aus. Aktuell stehe der Markt mit Blick auf die seit März explodierenden Diesel-Preise vor wachsenden Herausforderungen.
Eine Bilanz mit leichten Bremsspuren habe es im Service gegeben, teilte Koßmann mit dem Hinweis auf das von 7,2 auf 5,7 Prozent gesunkene Wachstum mit. Mit 91,2 Prozent sei die Werkstattauslastung lediglich um 1,7 Prozent gesunken. Sowohl Wartungsaufträge als auch Reparaturarbeiten seien weniger in Auftrag gegeben worden. Die Quoten pro Pkw, ermittelte der DAT-Report, wiesen 0,97 (Vorjahr: 1,03) bei Wartung und 0,35 (Vorjahr: 0.41) bei Verschleißreparaturen aus. Die Branche werde sich auf die Transformation einstellen, denn E-Fahrzeuge hätten einen deutlich geringeren Wartungsaufwand. Es gebe aber keinen Grund zum Pessimismus, denn 9 von 10 Befragten wollen ihren Pkw immer in einem „einwandfreien technischen Zustand“ wissen. Und da bleibe der Kfz-Meister die Adresse Nummer 1“.
Service bleibt
ein Leuchtturm
Der Service sei trotz der leichter Einbußen weiterhin der betriebswirtschaftliche Leuchtturm im Kraftfahrzeuggewerbe. In diesem Zusammenhang ging Koßmann auf die anhaltende Kritik wegen der Preisgestaltung ein. Der vor allem aus der Versicherungswirtschaft ausgelöste Disput ignoriere die unterschiedlichen Stundenverrechnungsätzen für Mechanik, für Karosserie- und Lackarbeiten und für die Arbeit an Hochvolt-Fahrzeugen. Besonders bei E-Fahrzeugen erfordern Herstellervorgaben, Schulungen und Spezialausrüstung erhebliche Investitionen. Diese Komplexität rechtfertige angemessene Verrechnungssätze. Sie dürften kein Grund für die Werkstatt-Kritik der Versicherungswirtschaft sein.
Der Ausbildungsmarkt an der Weser habe sich zu einem „Sorgenkind unserer Branche“ entwickelt. Vor dem Hintergrund demografischer Veränderungen, rückläufiger Zahlen der Schulabgänger sowie der weiterhin angespannten Bewerberlage einzuordnen. Es handelt sich dabei nicht um ein spezifisches Phänomen einzelner Bundesländer oder Regionen oder des Kraftfahrzeughandwerks, sondern um eine gesamtmarktliche Entwicklung.
Insgesamt 249 (Vorjahr: 297) neue Ausbildungsverträge sind abgeschlossen worden. Ein Rückgang von 16,2 Prozent, Kfz-Mechatroniker/-in haben 192 (Vorjahr: 231) neue Verträge, ein Minus von 16,9 Prozent, die Automobilkaufleute sind gleichbleibend geblieben mit 42 abgeschlossenen neuen Ausbildungsverträgen. Bei den Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker/-in waren es 6, im Vorjahr noch 15. Auch die Zweiradmechatroniker/-in der Fachrichtung Fahrradtechnik sind im roten Bereich trotz boomender Nachfrage nach den Zweirädern. Einzig die Zweiradmechatroniker/-in der Fachrichtung Motorradtechnik haben mit 3 neuen Ausbildungsverträgen die Marke Null des Vorjahres verlassen.
Koßmann will
mehr Praktika
Ein Dauerbrenner sei und bleibe die Schwierigkeit, das Ausbildungsangebot der Betriebe und die Nachfrage der Jugendlichen zusammenzuführen. Koßmann appellierte an die Unternehmen an der Weser, trotz oder wegen der schwierigen Lage im Engagement für die Ausbildung nicht nachzulassen. „Starten sie mit Praktika. Das ist wie früher die Zeit der Verlobung – man lernt sich kennen“, sagte Koßmann.
Die von der Bundesregierung ab Mai geplante Kaufprämie für E-Fahrzeuge gerate immer stärker ins Kreuzfeuer der Kritik. Automobilhandel und Kunden bräuchten nun schnellstens Klarheit über die Modalitäten der seit Januar zugesagten BEV-Förderung. Zum einen seien die noch immer nicht bekannten Kriterien ein Hemmnis, zum anderen beharre das Kfz-Gewerbe auf eine Einbeziehung der gebrauchten E-Fahrzeuge in die staatliche Förderung.
Förderung auch
für Gebrauchte
Ein Blick auf die Kaufstatistik und damit auf das Kaufverhalten der Bremerinnen und Bremer stärke „unsere Forderung nach Förderung auch für gebrauchte Fahrzeuge“. In Bremen und Bremerhaven seien 63.990 neue und gebrauchte Pkw verkauft worden. Davon seien 50.111 Privatkäufe und davon wiederum rund 45.000 Gebrauchtwagen. Das seien 90 Prozent aller Privatkäufe. Aus diesen Marktdaten leitete Koßmann ab, dass der Gebrauchtwagenmarkt der Platz für bezahlbare individuelle Mobilität sei und bleibe.
Weiterhin müsse sich die Politik die Frage gefallen lassen, ob der Fokus auf Neuwagen bei der geplanten staatlichen Förderung der richtige Weg sei, um den Hochlauf der Elektromobilität zu erreichen. Der durchschnittlich gebrauchte Pkw kostet 18.560 Euro. Die Differenz zum neuen Pkw betrage 26.220 Euro. Und wenn die Hersteller und Importeure zum Start der Kaufprämie die Palette der E-Fahrzeuge präsentieren, dann wird nicht allein die Antriebsart im Mittelpunkt stehen. Im Fokus beim Privatkunden stehe der Preis!
Dies zeigten die Kaufpreisklassen des vergangenen Jahres. In den Kaufpreisklassen im Neuwagenmarkt habe es kaum Veränderungen gegeben. Unter 35.000 €uro sei der Anteil der Käufer auf 32 (Vorjahr: 33) Prozent gesunken, 37 Prozent hätten in der Klasse 35.000 bis 50.000 Euro wie im Vorjahr gekauft und 31 (Vorjahr: 30) Prozent seien Kunden der Preisklasse über 50.000 Euro.
Kaufpreisklassen
nahezu unverändert
Dagegen dominierte im Gebrauchtwagenmarkt die Preisklasse unter 12.500 Euro im freien Handel (52 Prozent) und im Privatmarkt (46 Prozent), während der Markenhandel mit 62 Prozent seine Domäne in der Klasse ab 20.000 Euro habe. Im Preissegment 12.500 bis 20.000 Euro lägen die drei Teilmärkte dicht zusammen: Markenhandel 26 Prozent, freier Handel 30 Prozent und Privatmarkt 29 Prozent.
In der bekannten Schärfe ging Koßmann auf die wachsende Bürokratie ein. „Wir ersticken in einem Dschungel aus Paragrafen, der uns die Luft zum Atmen nimmt“, sagte er mit Verweis auf „über 20 Beauftragte in den Kfz-Betrieben vom Abfall über den Datenschutz bis zur Geldwäsche“. Nach mehr als 100 Tagen seien wichtige Reformvorhaben zwar angekündigt, aber zentrale Erwartungen des mittelständischen Kfz-Gewerbes seien nicht erfüllt worden. Papierkrieg mit Behörden statt Kerngeschäft mit Kunden.
Die wachsende Regelungsdichte auf nationaler und europäischer Ebene stelle Werkstätten und Handelsbetriebe zunehmend vor Herausforderungen. Vor allem neue Berichtspflichten aus der EU-Nachhaltigkeitsrichtlinie drohten kleinere Betriebe übermäßig zu belasten.
Koßmann sagte abschließend: „Weniger Bürokratie und mehr Planungssicherheit – mehr wünschen wir uns nicht von der Politik.“